Fußball isst unser Leben:
Herr thom* las (inkl. Zugabe)
1)
Unter den Wäscheständern begann das Elend. Als Vierjähriger stand ich zwischen den Stangen aus rostigem Stahl, zwei Freunde schoben sich den Ball zu, 11 12 hieß das damals, und ich hielt wie ein junger Gott.
Nicht die Bälle, sondern den Zipfel da zwischen meinen Beinen, weil ich auf die Toilette musste aber nicht gehen konnte, sonst wäre ich draußen gewesen und der schnelle Daniel hätte meinen Platz besetzt. Meinen Mitspielern war dies genau bis zu jenem Moment egal, da meine Mutter aus dem Neubaublockfenster schaute und vernehmlich über den Hof rief: “Thomas? Wo ist die Hand?”
Dass Fußballer mit Zipfelgrabschern ein Problem haben, zeigt schon die Schwulenquote in der Bundesliga. Und so verwundert es heute auch nicht, dass mich das Team mit Schimpf und Schande, mit Spott und manchem erniedrigenden Vergleich auf die Reservebank, den Sandkasten abschob. Eines aber kann ich auch heute noch mit Bestimmtheit sagen: Getunnelt wurde ich nie.
2)
Als ich in der ersten Klasse der POS Kallinin das Schreiben und Lesen erlernen sollte, kam eines Tages ein Talentscout vom FC Dynamo vorbei. Mit Freude hätte er mich, den so agilen und doch robusten kleinen Jungen in seine Mannschaft aufgenommen, ich aber dachte, dass beim FC Dynamo eine solide Technik von Vorteil sei und entschied mich zunächst für eine umfassende Nahkampfausbildung.
Judo hieß fortan mein Sport und wenn wir auf den Matten Fußball spielten, dann mit Medizinbällen. Dies war einer späteren Hinwendung zum Fußball nicht unbedingt zuträglich. Immerhin bin ich heute noch der einzige Spieler des FC Dynamo, der nach vier Begegnungen und einer Gesamtspielzeit von dreieinhalb Minuten vier Rote Karten vorweisen kann. Die Gegner von damals treffe ich heute noch dann und wann in meinem Ehrenamt beim Rollstuhlbasketball.
3)
Ich kann einfach nicht loslassen. Ich stehe beim Endspiel der WM, habe 3.000 Tacken für die Karte bezahlt und kann nicht loslassen. Um mich herum tanzen die Menschen, brüllen. Die Frau neben mir sticht verzückt Voodoonadeln in eine Schiedsrichterfigur, der Herr da rechts, der mit dem Messerschnitt und dem CDU-Anstecker am Jacket hat die Hand im Schritt und lässt beglückt die Hüfte kreisen. Und ich kann nicht loslassen. Hier ist sie, die Chance, gemeinsam mit 60.000 Menschen loszulassen.
Nun mach schon deutsches Großhirn. Gib die Kontrolle auf. Lass die Instinkte ran.
Lass uns was Schlimmes rufen. Einen Fluch vielleicht…
“Scheißpass! Das war ein verfluchter Scheißpass”
Jetzt guckt er ganz traurig. Guck! Der guckt mich an. Mit diesem Dackelblick. Oh nein! Ich sag sowas nie wieder.
Was jetzt? Ein wenig Hüpfen? OK! Ich sing was dabei!
“Lothar Mathäus”
Wie der spielt nicht mehr mit?
Ich kann einfach nicht loslassen!
Wer spielt denn noch mit?
“Sebastian Schweinsteiger”.
Ich fühle den Ton noch nicht so richtig. Ist es ein A? Mimi… Mamamama…
Ich kann einfach nicht loslassen.
Wie stehts denn? Einseins?
Dann haben wir am Ende zwei Sieger, ist doch auch schön.
Dann müssen die auch nicht mehr so verbiestert dreinkloppen.
Wieso gucken die denn alle so böse?
Ich verhalte mich doch ganz unauffällig. Ich kann ja nicht loslassen.
Ich geh dann mal. Muss ich mich nachher nicht mit den ganzen Idioten in der Tiefgarage prügeln.
Man muss auch mal loslassen können.
4)
Von frühester Kindheit an war mir die Teilnahme am Mannschaftssport verhasst. Gern bewegte ich mich, gern auch in Gesellschaft aber ungern trieb ich Mannschaftssport. Das war und ist es bis heute – eine Frage des Stils. Denn offenbar schließt jeder, der sich, sagen wir einer Fußballmannschaft verschreibt, einen Pakt, der ihn zwingt, sich von jedem dahergelaufenen Mannschaftskameraden auf das Unflätigste beschimpfen und auch selbst jedwede Höflichkeit außer Acht zu lassen. Wie gern wäre ich damals mit diesen strammwadigen Buben über den Platz gefegt, hätte ich nur einmal “Wärst Du so liebt, in die Mitte zu flanken” aus dem Munde des Trainers vernommen. Gehört aber habe ich nur “Pass. Elf Uhr. Pass Du Idiot”. Ganz und gar außer jeder Kontrolle scheinen mir die Mannschaftssportler, wenn jemand einen Fehler begangen hat. Ich wage nicht zu wiederholen, was dann über den Platz schallt. Und selbst in ihrer Freude sind Mannschaftssportler ordinär. “Herr Ballack – was für ein wunderbares Zuspiel”, “Aber Herr Klose – doch nur, weil Sie so grandios eingelaufen sind”, “Wir sollten dem Trainer danken!” – Handschlag, Schulterklopfen, ein tiefer Blick in die Augen – so schön und so angemessen männlich könnte Torfreude sein. Aber stattdessen wird sich besprungen, wird aus voller Kehle gegrölt, oder mit kleinen Kunststückchen die eigene Potenz untermauert.
Mich schreckt das ab. Vielleicht bin ich deshalb Schiedsrichter geworden. Bis heute halte ich die Fußballer für formbar. In der Knirpsenliga meines Sohnes setze ich meine Prinzipien rigoros durch. Vom Platz fliegt, wer unhöflich ist. Und wer schön Bitte sagt, bekommt auch mal einen Elfer zur Belohnung. Allerdings bin ich bis auf Weiteres von offiziellen Spielen ausgeschlossen. Die Mannschaft meines Sohnes hatte 38 zu 0 gewonnen, weil ich die Feldspieler des Gegners einen nach dem anderen vom Platz gestellt hatte. Nur der Torwart hatte Glück. Den hab ich nicht verstanden – der war Türke.
Aprospros. Vielleicht könnte ich ja in Zukunft in Neukölln pfeifen, oder in Kreuzberg? Oder in Bayern?
5)
Der wichtigste Grund, liebe Zuhörer, warum ich früher nie Fußball spielte ist ein naheliegender: Weil es keinen Spaß macht, alleine Fußball zu spielen.
Wann immer nämlich in meinem Beisein zwei Mannschaften sich formierten, war ich am Ende der Spielerwahl nicht nur als Einziger übrig, sondern wurde auch noch höflich gebeten, ein paar Kaltgetränke zu besorgen, Fotos zu schießen, auf die Kinder aufzupassen oder die gelangweilten Spielergattinnen mit gepflegter Konversation zu unterhalten.
Nachdem sich diese Erfahrung mehrfach wiederholt hatte, änderte ich meine sexuelle Orientierung, um im Team des Club Einblick mitspielen zu dürfen. Hier, so hoffte ich, seien der Ehrgeiz und die männliche Attitüde der Ballheroen weniger ausgeprägt. Aber als mir auch hier nur der Job des Zeugwarts angeboten wurde, kehrte ich reumütig zu meiner Familie zurück.
Einmal hatte ich versucht, aktiv in ein Match der Mannschaft meiner sechsjährigen Tochter einzugreifen. Für Minuten ging das gut. Ein kurzer Antritt – ich ließ zwei der Kinder stehen, umspielte mit einer Finte das dritte und stand plötzlich ganz allein vorm Torwart. Jetzt oder nie, dachte ich, Vollspann, volle Pulle.
Gottseidank hatte der Kleine noch die Milchzähne.
Während Keeper und Ball ganz putzig da im Netz zappelten, fiel mir auf, dass mehrere der kleinen Kicker beim hiesigen FC Dynamo trainieren. Insofern konnte ich zwar noch auf meine Rolle als Brillenträger hinweisen und darauf, dass es sich bei mir nicht mehr um Milchzähne handelt, dann aber wurde es weinrot vor meinen Augen.
Und ich hatte mich vorher noch gefragt, wozu kleine Fußballer große Baseballschläger brauchen. Und Schlagringe. Und Butterfly-Messer.
Meinen nächsten Versuch, Fußball zu spielen, wagte ich in der Behindertenwerkstatt, die seit diesem kleinen Vorfall mein Arbeitsplatz ist. Kalle, mein persönlicher Assistent, hatte mich dazu ermutigt. “Am Kopf haste doch nix”, sagte er, als er mich in den Strafraum rollte. Nach wenigen Spielminuten stimmte diese Aussage nicht mehr, was an Bernie lag, dessen Schüsse gefürchtet waren, nicht wegen seines fußballerischen Könnens, sondern vielmehr, weil Berni mit 160 Kilo Lebendgewicht der alten Regel Kraft gleich Masse mal Beschleunigung besonderen Nachdruck verleihen konnte.
Seitdem kicke ich täglich. Meine Ergotherapeutin und der große gestreifte Hase spielen mir federleichte Bälle zu. Mit der Kraft meiner Gedanken lenke ich sie jedesmal zielsicher ins Dreiangel. Da kann der kleine Maulwurf hechten soviel er will.

