Fußball macht depressiv

Mensch braucht einen Schuldigen. Immer. Jemand muss verantwortlich sein für Miseren und Missgeschicke, für Depressionen und Dünnpfiff. Ich habe beschlossen, die Verfehlungen der vergangenen Wochen sowie alle noch bis zum 9. Juli bevorstehenden einfach auf den Fußball zu schieben.

Seit gestern zum Beispiel die Schweiz ausgeschieden ist, bin ich als tiefer Verehrer und Freund der Eidgenossen traurig bis ins Mark. Auch Australien hat die WM-Bühne verlassen und damit jedwede Sonne aus meinem Herzen verbannt.

Dabei hatte am Sonntag alles so gut angefangen. Trotz aufdringlichem Sonnenschein und verlockenden Badeseen hatten viele freundliche Gäste den Weg in den Speicher gefunden, die vier Schmalz-und-Marmelade-AkteurInnen waren vorbereitet, die Texte geschliffen und Horst Rehberg als Gast eine Offenbarung. Er ließ uns durch die Mühen theatertheoretischer Täler wandern, um dann seine Lesung aus Eberhard Esches “Der Hase im Rausch” in urkomische Höhen der Anekdotenkunst zu führen.

Schon aus den Generalproben waren mir die Texte der Herren Ivalo und Jati sowie der Frau Jules nicht nur bekannt, sondern auch vertraut – regelrecht verliebt haben sie mich gemacht. Die professorale Betrachtung des Theaters in allem Sein und Nichtsein – der neu geschriebene Faust – die Charakteranalyse der Theatergänger… Alles eben. Na und dafür, dass ich mein eigenes Zeuch ganz großartig finde, bin ich ja bekannt.

Ja sogar die zugegeben etwas seltsame Idee von Schmalz und Marmelade zum selber aufs Brötchen Schmieren war aufgegangen und knapp die Hälfte unserer Investitionen klimperten als lustiges Kleingeld gespendet vom Publikum im Gläschen. Wir hatten also etwas zum drüber Freuen auf die Beine gestellt. Das ist doch was!

Dann aber war die Veranstaltung vorbei, Nikotin und Koffein als Absacker im Seglerheim zur Genüge eingefahren und England, Ecuador, Portugal und die Niederlande erwarteten mich vorm heimischen 20-Zentimeter-Kleinbildschirm. Na und kaum war der erste Ball gekickt, setzte eine gewisse Unlust ein: Zum Beispiel Texte zu machen für die Presse, Fotos zu bearbeiten und an den Verteiler zu senden und nicht zuletzt – hier eine kleine Abhandlung über meine Gier nach neuen Schmalz-und-Marmelade-Frühstücken Ausdruck zu verleihen.

Ich habe meine Psychologin mal in die Spur geschickt. Hab ihr die Symptome geschildert und sie gebeten, die richtigen Mittelchen gegen diese Fußball-verursachte Halbtagsdepression herauszusuchen. Allerdings musste ich Frau Dr. Irrgang (seltsamer Name für eine Seelenklempnerin, nicht wahr?) in die Wüste schicken, denn sie kam mit Johanneskrautdragees daher. Ich hingegen hatte gehofft auf schwere Psychopharmaca für die neue Leichtigkeit des Seins.

Gottseidank gibts in Schwerin immer einen, der in solchen Notlagen helfen kann.

Exkurs:
“Technokratischer Verwaltungsfußball”, hat eben der ARD-Kommentator Steffen Simon zum Fußball der Brasilianer gesagt. Ghana hat trotzdem 3:0 verloren. (Oder 9:0; 8:0; 6:0 – ist auf meinem kleinen Fernseher nicht zu erkennen) Das könnte eine Erklärung sein… Wenn die Brasilianer Verwaltungsfußball spielen, kann man als Zuschauer schon einmal depressiv werden.
Exkurs Ende.

So. Nu hab ich mich nett verplaudert und kann nur hoffen, dass Sie mir bis hierher gefolgt sind. Sollte dies so sein, dann folgen Sie mir doch auch am 9. Juli, dem Tag des Endspiels, ins Speichercafe. Um 11.30 Uhr gehen die Türen auf, ab 12 Uhr wird gelesen und um 15 Uhr sind Sie – rechnen wir mal generös eine Stunde Heimweg – wieder bei der Vorbereitung auf die großen 90 Minuten. “Fußball” ist am 9. Juli unser Thema – der Herr Ivalo wird als ausgewiesener Experte fungieren, ich plappere alle Plattidüden von Günther Netzer nach, Herr Jati dribbelt gewohnt lässig durch die Zeilen und Frau Jules wird als Außenkorrespondentin in Berlin Ronaldo via Handtelefon ins lauschige Schwerin bringen.

PS: Ich habe übrigens beschlossen, dass der Fifa-Ball – ähnlich einem Hypnotisierpendel – die Unlust verursacht. Nun gucke ich nur noch da hin, wo der Ball nicht ist. Heute, bei Ghana gegen Brasilien hats schon geholfen, wie dieser doch etwas ausufernde Text zeigt.


 
 
 

2 Kommentare zu “Fußball macht depressiv”

  1. Ivalo
    30. Juni 2006 um 11:37

    Also, Herr thom*,

    nu verballernd Sie mal nicht Ihr ganzes Material über Fußball, es soll doch schließlich noch was für den 9.7. übrig bleiben.

  2. thom*
    2. Juli 2006 um 21:37

    Oh… da gibts noch viel Feines!

Kommentar abgeben:


  • Statistik

    • Beiträge 530
    • Kommentare 688
    • Wörter in Beiträgen 216,216
    • Wörter in Kommentare 18,214