Frau Jules las
1.) Splittergrante zwischen Tür und Angel
Sie hat unter mir gewohnt. Zwei Etagen. Sie ist Schauspielerin gewesen. Ich hab sie nicht gemocht. Zu keiner Zeit. Zugegeben als ich kleiner war mochte ich sie schon. Sie hat Geschichten erzählt. Von, als sie im Theater gearbeitet hat. Von Mutter Courage, Maske und den berühmten unserer Stadt und von woanders her. So zwischen Tür und Angel. Fantasie aus der Dose. Konserviert um das Kind aus zwei Etagen (dr)über zu unterhalten, wenn es nach draußen auf dem Weg zum Spielen war. Damals habe ich ihre Geschichten nicht verstanden, mich aber stets amüsiert. Fasziniert hat sie mich, aber dass ich sie gemocht hätte? Zugegeben als ich kleiner war mochte ich sie schon. Auf diese ganz bestimmte Art und Weise , wie Kinder alte Märchentanten mögen.
Es roch muffig, wenn sie die Tür öffnete. Nach alten Möbeln, Schmieröl und Mottenpulver. Ihre Kleider waren schäbig, voller Löcher. Von Motten. Und ich glaube sie hat allen Schmuck getragen, den sie besessen hat. Und war immer akurat geschminkt mit Rotem Lippenstift.Gepudert. Ja sie wahr Schauspielerin. Ganz sicher. Aber gemocht habe ich sie nicht. Zu keiner Zeit. Zugegeben als ich kleiner war mochte ich sie schon. Veheiratet war sie nicht. Ihr Liebster war wohl lange tot. Splittergranate. Ostfront. Einberufener Schauspieler. Mit großem Namen in unserer Stadt. Damals. Das hat sie mir erzählt. Sie allein seitdem. Trotzdem glücklich, schließlich kennt man viele Leute. Von auf und hinter der Bühne. Die wichtigen auch von vor der Bühne. Damit man bleiben konnte, wenn er schon tot, weil Splittergranate und sie zeitlebens Schauspielerin der Diktaturen war. Das hat sie mir auch erzählt. Und die Geschichten, von als sie im Theater gearbeitet hat. Fantasie aus der Dose. So zwischen Tür und Angel.
Die Schauspielerin, die die Karten abgerissen hat.
Das haben mir später andere erzählt. Sie war gestorben.
Ich hab sie nicht gemocht. Zu keiner Zeit.
Zugegeben als ich kleiner war, da mochte ich sie schon.
2.) Vers 344 – 481
Der bunte Wissensklumpen in meinem Kopf sieht jeden Tag anders aus.
Alles nur vorläufig.
Tägliche neue Änderungen und Umstrukturierungen des menschlichen Allgemeinwissen lassen meinen bunten Wunderklumpen grau und matschig werden. Der Matsch stinkt. Sollte ich meine Schüler aufklären? Jeden Tag neue Gülle? Ich hab nichts. Mir graut vor nichts
Armer Faust. Unkaputtbar. Das ist nicht zu ertragen… Ich bin kaputtbar!
Nichts wissend schlauer, als die, die von außen bunt sind und von Natur aus grauen Matsch im Kopf haben.
Jede Buntheit und Farbenfreude wir zur Lüge. Keine totale Wahrheit. Kein totales Wissen. Wozu lehre ich? Besser, was lehre ich? So ist auch nichts totales zu vermitteln oder zu erfahren. Nimm mich treuer Mond und Märchengott… mein und aller nächtlicher Begleiter!
Wenn mir eine Hexe einen Batzen Bunthirn verpflantzte, tauschte ich dies totale Wissen nicht, nicht im Angesicht des Scheiterhaufens.
Hokuspokus! Hilfe! Herr Gott, wie jede Nacht… Mit dem Kopf auf der Pultplatte. Nach Wissen lächzend… Nebelnacht! Hokuspokus… zwischen all dem Trödel hier… Kein Wunder, dass ich einstaube! Von innen und von außen… Zwischen diesem Trödel ist auch am Tage dunkel. Reißt sie raus die Wände der Beschränktheit. Lasst es Lichte werden in diesem Loch… Faust der staubige. Oder Faust, der dem Loch entkrochene… Dem der Mond nicht helfen mochte! Kaputt und ohne jeden Zug von Leben im staubigen Gesicht… Herr Gott ist Wissen denn zu viel Verlangt!? Faust der Sinnsuchenende, von einem Himmelskörper nicht ernstgenommen… Der Arme… Er wollte doch nur wissen…warum ihn der Himmelskörper nicht ernstgenommen hat und gelacht hat sich abwandte, der gute Mond! Und wie das so eigentlich im Ernsten ist, mit Hokus und Pokus… Der Geschichte des Faust, der im Mondeslicht und Selbstmitleid ertrank… Welch Tragik! Und der lachende Mond! Welch Ironie!
Was ist mit Hokuspokus sagt schon, ihr Monde und Geister! Wenn ich schon an euch glaube! Magie! Zauber! Übersinn! Gebt mir erfüllendes Wissen! Wenigstens ein Zeichen! …gebunden Seite an Seite im Ledermäntelchen…! Makrokosmus? Glück erlangen durch Studie der Bücher? Das ist euer Zeichen? Wissenschaft, Natur mein Herz erfüllt…
Adieu, grau gefärbte Gülle! Ein Hoch auf den Klumpen! Den Bunten!
Allwissen gleicht einem Puzzle. Den letzten Teilen nahe… Harmonie der Elemente! Aber…
Das ist ein Bild nur meiner Phantasie. Schauspiel. Theater. Mit Puppen. Mit Puppen ohne Gesichter. Die mich trotzdem ansehen und sagen: „Glück und Wissen durch Studie der Bücher!? Verbrennt Faustens Ideetheater! Verbrennt es!“ Und dich zünde es an, mein Ideentheater. Tanze weinend um die Flammen.Vergiss den Makrokosmus. Nähe zu dem einzeln Element. Erdgeist. Andere Wirkung dieses Zeichens? Geistesnähe? Antwort auf die Frage, ob man alles Wissen könne? Oder wer den Übersinn versteckt? Geist der Erde, verleibest mir den Muttrunk. Um deine Ankunft zu erfreuen. Dich zu umarmen. Und zu bleiben wenn du kommst und dir zu folgen wenn du gehst. Passt mir das Kleid des Übersinns? Ich rufe nach dem Geist der Erde, hoffnungsvoll…


14. Januar 2007 um 17:11
[...] Das Lesekollektiv präsentierte sich zunächst arg dezimiert: Frau sophie steckte in Emden fest und Frau jules war im Staatstheater, um sich ihren Preis abzuholen. Ja, Sie haben richtig gehört, im Wettbewerb “Wi moken di Platt” der Fritz-Reuter-Bühne und vieler anderer Partner hat Frau jules mit “Splittergranate” den dritten Preis abgeräumt. Inklusive Händeschütteln mit dem Ministerpräsidenten und Pressetermin. Na und da konnte sie ja schlecht sagen, Tschuldigung Leute, ich muss auf meine Lesebühne. [...]